Frage:

Was ist das Urteil über einen Mann, der behauptet, dass er im Wachzustand die Jungfrau Maria sieht, während sie ´Isa (alayhi salam) stillt, den Propheten sieht, und der behauptet die Seelen der Gläubigen über den Gräbern schweben zu sehen? Er behauptet auch, Allah (subhanahu wa ta ´ala) gesehen zu haben.

Antwort:

Die Behauptung, man habe den Propheten im Wachzustand gesehen, ist eine falsche Aussage. Ebenso falsch, wie die Aussage Maria, ihren Sohn (alayhi salam), die Seelen der Gläubigen und Allah gesehen zu haben.

Möge Allah uns Erfolg gewähren und Frieden und Segen seien auf dem Propheten, seiner Familie und seinen Gefährten!

Das Ständige Komitee für wissenschaftliche Forschung und Rechtsfragen
(`Abdullah ibn Ghudayyan, `Abdul-Razzaq `Afify, `Abdul-`Aziz ibn `Abdullah ibn Baz)

Fatawa al-Lajnah ad-Daima; Frage 1


Abu l-’Abbas al-Qurtubi [8] sagte, um denen die behaupten, dass der Prophet im Wachzustand gesehen werden kann zu widersprechen:

„Diese Meinung, dass der Prophet im Wachzustand gesehen werden kann, kann einfach und vernünftig widerlegt werden. Denn dies würde ja voraussetzen, dass niemand ihn in der Gestalt sehen kann, in der er gestorben ist, und dass zwei Menschen ihn in der selben Zeit an zwei verschiedenen Orten sehen können, und dass er manchmal ins Leben kommt und damit sein Grab verlässt,  über dem Marktplatz geht und mit  den Menschen spricht. Dies würde ja wiederum voraussetzen, dass sein Körper nicht mehr im Grabe liegt, und dass nur ein (leeres) Grab besucht wird und Salam zu einem gesagt wird, der nicht dort liegt, da er nachts und tagsüber außerhalb seines Grabes in seiner wahren Gestalt gesehen wird.“ [9]


Al-Hafidh Ibn Hajjar al-’Asqallani gab an, dass Ibn Abi Jumrah erzählte, dass einige der Sufis den Propheten im Traum und danach im Wachzustand gesehen haben wollten und ihn dann über einige Dinge fragten, die sie beunruhigten, sodass er ihnen mitteilte, wie sie diese zu bewältigen haben. Sie folgten seinem Rat und erreichten den gewünschten Erfolg.

Al-Hafidh kommentierte dieses wie folgt: „Dies ist schon sehr merkwürdig! Wenn wir davon ausgehen sollten, dass so etwas vorkommen kann, dann hieße es doch, dass diese Personen nun zu Gefährten (Sahabah) geworden sind und dass es weiterhin Sahabah geben wird bis zum Tage der Auferstehung. Doch dies wird mit der Tatsache widerlegt, dass viele den Propheten im Traum gesehen haben ohne dass sie danach sagten, ihn auch im Wachzustand gesehen zu haben.“ [10]


Die Gelehrten des ständigen Komitees widerlegen die Ansichten von at-Tijani, indem sie sagen:

„Es gibt keinen nachweisbaren Bericht von den rechtgeleiteten Kalifen oder den Gefährten, welche ja die beste Menschen nach dem Propheten waren darüber, dass diese jemals behaupteten, den Propheten im Wachzustand gesehen zu haben. Es ist wohl bekannt und kein Moslem hat die Ausrede es nicht zu wissen, dass die Religion während der Lebzeit des Propheten vollendet wurde und dass de erhabene Allah die Religion dieser Ummah vervollkommnet hat. Er, der Erhabene, vollendete Seine Gunst bevor Sein Gesandter gestorben ist. Der erhabene Allah sagt im Quran:

"Heute habe Ich euch eure Religion vervollkommnet und meine Gunst an euch vollendet, und Ich bin mit dem Islam als Religion für euch zufrieden." [11]

Nun gibt es keinen Zweifel mehr darüber, dass das, was Ahmad at-Tijani behauptet hat, nämlich dass er den Propheten im Wachzustand gesehen haben will und dass er von ihm mündlich die Tijani-Tareqah (Tijani-Orden) gelernt habe und dass er ihm gesagt haben soll, wie er Allah gedenken soll und was er sagen soll, wenn er den Propheten Segenswünsche aussprechen möchte, verlogen und eine erwiesene Irreführung ist.“ [12]


Das Ständige Komitee sagt weiter:

„Der Gesandte Allahs starb, nachdem er die komplette Botschaft erhalten hat und nachdem der erhabene Allah Seine Botschaft durch ihn vervollkommnet hat. Seine Gefährten (radiAllahu anhum) entrichteten dann das Totengebet für ihn und beerdigten ihn dort, wo er gestorben ist, nämlich im Zimmer von ’A`ischah (radiAllahu anha). Nach ihm kamen die rechtgeleiteten Kalifen (radiAllahu anhum). Während dieser Zeit traten Geschehnisse auf, die unter Grundlage ihrer eigenen Beweisführung (Ijtihad) behandelt wurden. Sie verwiesen bei all diesen Dingen nicht auf den Propheten . Wer auch immer nach dem Tod des Propheten behauptet, er würde den Propheten im Wachzustand sehen, mit ihm leben und sprechen, oder irgendetwas von ihm vor dem Tage der Auferstehung hören, seine Behauptungen falsch sind, da es den Schriften, den überlieferten Berichten und dem Gesetzt Allahs, das Er für Seine Schöpfung bestimmt hat, widerspricht.

Es gibt nichts in diesem Hadith was belegen könnte, dass man ihn auf dieser Welt im Wachzustand sehen kann, weil es vom Sinn her nur so gedeutet werden kann, nämlich als „Wer mich im Traum sieht, der wird mich im Jenseits sehen“ oder als „Wer mich im Traum sieht, der wird die Bedeutung seines Traumes sehen“, da diese Art von Traum gemäß dem ist, was in anderen Überlieferungen steht, nämlich dass der Prophet gesagt hat: „… er hat mich in der Tat gesehen.“. Derjenige, der gläubig ist, wird in der Tat den Propheten im Traum in der Gestalt sehen können, in der er erschien ist, als er lebendig war.“ [13]


[8] Abu l-’Abbas al-Qurtubi, besser bekannt als Imam Abu ’Abdullah al-Qurtubi, geboren in Cordoba (Spanien), lebte im 13. Jahrhundert und gilt als einer der größten Gelehrten im Hinblick auf Fiqh, Hadithe und Tafsir. Er verfasste al-Jami’ li Ahkam al-Quran, besser bekannt als Tafsir al-Qurtubi, welches als die klassischste Erläuterung des Quran gilt.
[9] Zitiert von Al-Hafidh Ibn Hajjar in Fath al-Bari, 12/384
[10] Fath al-Bari, 12/385
[11] Surah 5, al-Ma'idah, Ayah 3
[12] Fatawah al-Lajnah ad-Da`imah, 2/325, 326
[13] Fatawah al-Lajnah ad-Da`imah, 1/486, 487