Frage:
„Hat jede Sünde eine Strafe im Diesseits? Und wenn dies der Fall ist, entfällt dann die Strafe für die Sünde im Diesseits, wenn der Mensch diese Sünde bereut?“
Antwort:
„Demjenigen, der Sünden und Ungehorsam begeht, wird Strafe angedroht. Doch Allāh, Erhaben und Majestätisch ist Er, kann vergeben, Gepriesen sei Er, und Er kann die Strafe auch bis zum Jenseits aufschieben, wenn der Diener stirbt, während er auf den Sünden beharrt.
Daher ist es für den gläubigen Mann und die gläubige Frau verpflichtend, sich vor der Strafe Allāhs und Seinem Zorn in Acht zu nehmen, sich mit der Reue zu beeilen und sich vor schlechten Taten und deren Begehung zu hüten.
Erstens: Man hütet sich vor ihnen, hält sich von ihnen und ihren Ursachen fern und meidet die Gesellschaft derjenigen, die sie begehen.
Zweitens: Wenn man eine schlechte Tat begangen hat, beeilt man sich mit der Reue. Man beeilt sich damit, davon abzulassen und sie zu bereuen, die Sünde aufzugeben und den aufrichtigen, festen Entschluss zu fassen, nicht zu ihr zurückzukehren. Dabei hofft man auf die Belohnung Allāhs und fürchtet Seine Strafe.
Was nun die Frage betrifft, ob er bestraft wird: Es kann sein, dass er nicht bestraft wird, es kann sein, dass ihm Aufschub gewährt wird, es kann sein, dass ihm weiterhin Zeit gelassen wird, und es kann sein, dass er für eine schlechte Tat bestraft wird, für eine andere jedoch nicht.
Er kann durch die Verhärtung des Herzens und die Krankheit des Herzens bestraft werden. Er kann durch andere Dinge bestraft werden. Er kann durch den Verlust seines Vermögens bestraft werden, er kann durch eine Krankheit bestraft werden, oder dadurch, dass ihm ein Feind auferlegt wird, der ihm Schaden zufügt, und durch anderes als dies.
Die Strafen sind also verschieden. Doch nicht jede Sünde muss eine Strafe nach sich ziehen. Allāh kann vergeben, Er kann ihm Aufschub gewähren und ihm Zeit lassen, und Allāh kann ihm vergeben. Daher darf der Mensch nicht sagen: „Mir wurde vergeben, weil Allāh mir Aufschub gewährt hat.“ Nein, vielmehr muss er sich hüten, denn die Strafe im Jenseits kann größer und härter sein.
Gemeint ist also, dass man sich in Acht nehmen muss. Dem Menschen kann weiterhin Zeit gelassen und Aufschub gewährt werden, ohne dass er unmittelbar bestraft wird. Dann kann die Strafe im Jenseits größer und gewaltiger sein. Der Gläubige muss sich jedoch hüten.
Allāh, der Mächtige und Majestätische, sagt:
﴿وَلَا تَحْسَبَنَّ اللَّهَ غَافِلًا عَمَّا يَعْمَلُ الظَّالِمُونَ إِنَّمَا يُؤَخِّرُهُمْ لِيَوْمٍ تَشْخَصُ فِيهِ الْأَبْصَارُ﴾
„Und meine ja nicht, Allāh sei unachtsam dessen, was die Ungerechten tun. Er stellt sie nur zurück bis zu einem Tag, an dem die Blicke starr werden.“ (Ibrāhīm: 42)
Dies ist ein deutlicher Beleg dafür, dass Allāh Seine Strafe bis zum Jenseits aufschieben kann.
Und Er, der Mächtige und Majestätische, sagt:
﴿سَنَسْتَدْرِجُهُم مِّنْ حَيْثُ لَا يَعْلَمُونَ وَأُمْلِي لَهُمْ إِنَّ كَيْدِي مَتِينٌ﴾
„Wir werden sie stufenweise (dem Verderben) näherbringen, von wo sie nicht wissen. Und Ich gewähre ihnen Aufschub. Gewiss, Meine List ist fest.“ (al-Qalam: 44–45)
Er führt sie durch die Gunstgaben, die Er ihnen trotz der Sünden gewährt, die sie begehen, stufenweise dem Verderben entgegen. Er lässt ihre Sünden verborgen bleiben und zieht sie nicht dafür zur Rechenschaft. Dies kann dann zu den Ursachen ihrer Bestrafung im Jenseits gehören, wir bitten Allāh um Wohlergehen, oder zu den Ursachen einer großen und gewaltigen Strafe am Ende ihres Lebens, noch vor ihrem Tod.
Gemeint ist: Der Mensch muss sich hüten und darf sich nicht in Sicherheit wiegen. Allāh, erhaben und majestätisch ist Er, sagt:
﴿أَفَأَمِنُوا مَكْرَ اللَّهِ فَلَا يَأْمَنُ مَكْرَ اللَّهِ إِلَّا الْقَوْمُ الْخَاسِرُونَ﴾
„Glauben sie denn, vor Allāhs Ränken sicher zu sein? Aber vor Allāhs Ränken sicher glaubt sich nur das Volk der Verlierer.“ (al-Aʼrāf: 99)
Seine Strafe kann vorgezogen oder aufgeschoben werden. Und du kannst mit einer gewaltigen Strafe bestraft werden, die eine Ursache dafür ist, dass dein Herz stirbt, und eine Ursache für deinen Unglauben und deine Irreleitung wird.
﴿فَلَمَّا زَاغُوا أَزَاغَ اللَّهُ قُلُوبَهُمْ﴾
„Als sie nun abschweiften, ließ Allāh ihre Herzen abschweifen.“ (aṣ-Ṣaff: 5)
Und der Erhabene sagt:
﴿وَنُقَلِّبُ أَفْئِدَتَهُمْ وَأَبْصَارَهُمْ كَمَا لَمْ يُؤْمِنُوا بِهِ أَوَّلَ مَرَّةٍ وَنَذَرُهُمْ فِي طُغْيَانِهِمْ يَعْمَهُونَ﴾
„Und Wir kehren ihre Herzen und ihr Augenlicht um, so wie sie das erste Mal nicht daran geglaubt haben. Und Wir lassen sie in ihrer Auflehnung umherirren.“ (al-Anʼām: 110)
Der vernünftige und entschlossene Mensch hütet sich daher vor den Sünden und wiegt sich nicht in Sicherheit. Er bemüht sich um eine aufrichtige, ehrliche Reue, indem er das Vergangene bereut, von der Sünde ablässt, sich vor ihr hütet und den aufrichtigen, festen Entschluss fasst, nicht zu ihr zurückzukehren.
So verhält sich derjenige, der wirklich darauf bedacht und entschlossen ist, sei es ein Mann oder eine Frau.
Scheich ‘Abdul-‘Azīz Ibn Bāz, rahimahullah
Übersetzer: Khawer Malik