Frage:

Es ist bekannt, dass die Wissenschaft des al-Dscharḥ wat-Ta’dīl eine ehrenvolle Disziplin ist, deren Träger von Allāh dazu bestimmt wurden, die Verfälschungen derjenigen aufzudecken, die die Wahrheit entstellen, und die Fehlinterpretationen der Unwissenden zu erläutern.

Dennoch ist zu beobachten, dass eine Gruppe von jungen Studenten des Wissens sich an den Aufstieg eines solchen schweren Berges gewagt hat und über Aufrufer und Persönlichkeiten gesprochen hat.

Daraus sind Fitan entstanden, das Übel hat sich unter den Jugendlichen verbreitet und der Fanatismus ist aufs Neue zurückgekehrt, als Folge dessen dass sie sich auf ein Wissen eingelassen haben, das ausschließlich dessen Leuten vorbehalten ist.

Wir erhoffen einen Ratschlag zu dieser Angelegenheit.

Antwort:

Dies unterteilt sich in zwei Kategorien: Die erste Kategorie ist, dass der al-Dscharḥ wat-Ta’dīl sich auf Menschen bezieht, die bereits gestorben sind und mit denen es vorbei ist.

Diese, al-ḥamdulillāh, für sie reichen die Bücher der Gelehrten zur Darstellung von al-Dscharḥ wat-Ta’dīl völlig aus. Wir greifen darauf zurück und erkennen dadurch die Überlieferer, über diejenigen, an denen Kritik geübt wurde, sowie über diejenigen, die Lob erhalten haben.

Aber ich erlaube es einem Anfänger unter den Studenten des Wissens nicht, in die Wissenschaft des al-Dscharḥ wat-Ta’dīl einzusteigen und direkt mit dem Lesen der Bücher von al-Dscharḥ wat-Ta’dīl zu beginnen.

Ich rate ihm vielmehr, zunächst die Wissenschaft von Muṣṭalaḥ al-Ḥadīth zu erlernen und dieses Wissen bei seinen Leuten zu nehmen.

Danach kann er sich den Büchern des al-Dscharḥ wat-Ta’dīl zuwenden, denn dann besitzt er die Qualifikation, darin Einsicht zu nehmen.

Doch wenn jemand keine Qualifikation besitzt und auch nichts studiert hat, vielmehr besteht sein ganzes Wissen darin, dass er sich Bücher des al-Dscharḥ wat-Ta’dīl nimmt, darin liest und dann sagt: „Fulan ist so“ und „Fulan ist so“, dann ist das gefährlich.

Und genau das ist die Art, die wir euch bereits genannt haben: Scheinwissen oder das bloße Vertrauen auf Bücher ohne methodische Grundlagen.

Wenn jedoch der Zweck sich auf zeitgenössische Personen bezieht, also al-Dscharḥ wat-Ta’dīl an gegenwärtig lebenden Menschen, so spricht über diese ihre Taten. Ihre Taten, Aussagen und Schriften sprechen über sie.

Wenn ihre Taten, Aussagen und Bücher korrekt sind, so ist es nicht erlaubt, sie zu kritisieren.

Wenn sich jedoch in ihren Taten und Aussagen etwas an Fehler findet, so ist dieser Fehler klarzustellen. Der Fehler soll klargestellt werden, und das Ziel ist nicht die Person selbst, sondern das Ziel ist es, den Fehler aufzuzeigen, damit die Menschen nicht durch ihn getäuscht werden.

Und das Ziel ist nicht, die Person zu verletzen oder herabzuwürdigen. Vielmehr ist das Ziel, die Wahrheit klarzustellen und den Fehler vom Richtigen zu unterscheiden.

Und das wird der Person nicht schaden, im Gegenteil, es kann ihr sogar nützen.

Vielleicht wird er dadurch aufmerksam und kehrt von seinem Fehler zurück, insbesondere wenn das Gespräch mit ihm selbst zuerst erfolgt. Das kann ihm Nutzen bringen und ihn zur Wahrheit zurückführen.

Oder man schreibt einen Brief und schickt ihn ihm zu. Vielleicht ist das der Grund für seine Rechtleitung und seine Rückkehr zur Wahrheit, falls er die Wahrheit wirklich will. Wenn er aber die Wahrheit nicht will, dann ist das eine andere Angelegenheit.

Scheich Ṣāliḥ al-Fauzān

Frage:

Oh Scheich, wenn wir ein Blick in die Bücher der rechtschaffenen Salaf, möge Allāh mit ihnen zufrieden sein, werfen, stellen wir fest, dass sie sehr darauf bedacht waren, die Reihen zu reinigen.

So pflegten die Studenten die Imame über bestimmte Männer zu befragen, woraufhin die Imame über diese Männer entweder mit Kritik oder Lob sprachen. Doch in unserer heutigen Zeit scheint diese Angelegenheit nahezu verschwunden zu sein. Bedeutet das, dass die Zeit von al-Dscharḥ wat-Ta’dīl vorbei ist?

Antwort:

Diese Angelegenheit ist nicht verschwunden. Wenn die Menschen nämlich über eine bestimmte Person fragen, natürlich deshalb, weil sie ihr folgen und sich an ihr orientieren wollen, dann ist es für denjenigen, der über seinen Zustand etwas weiß, das dazu aufruft, ihm nicht zu folgen, verpflichtend, dies offenzulegen.

Zur Zeit der Salaf, in den Tagen des al-Dscharḥ wat-Ta’dīl, wurde das Wissen noch aus den Mündern der Männer überliefert. Daher waren sie damit beschäftigt, die Kritik an den Männern darzulegen, damit von ihnen nichts überliefert wird, was dem Gesandten Allāhs (H) nicht zuzuschreiben ist oder was fälschlich jemandem von den Salaf zugeschrieben wird.

In unserer heutigen Zeit hingegen sind, und alles Lob gebührt Allāh, die Bücher bewahrt und die Sunnah ist niedergeschrieben.

Die Unterscheidung zwischen dem, was dem Propheten (H) fälschlich zugeschrieben wurde und was tatsächlich überliefert ist, ist mittlerweile bekannt und offenkundig.

Es verbleibt somit die Angelegenheit, den Zustand jener Personen zu klären, denen gefolgt wird, mit denen man Umgang pflegen will oder mit denen man eine Heirat beabsichtigt und ähnliches.

Wer also über eine solche Person befragt wird, dem obliegt es, die Wahrheit darzulegen. Wenn er weiß, dass die Menschen sich nach dieser Person richten, ihr folgen und mit ihr gemeinsam gehen werden, dann ist es verpflichtend, ihnen ihren Zustand klarzumachen, damit sie nicht von ihr getäuscht werden.

Die Kritik (al-Dscharḥ) besteht also fort, und auch das Lob (at-Ta’dīl) besteht fort, jedoch entsprechend dem Maß der Notwendigkeit.

Wisst ihr denn nicht alle, dass, wenn Zeugen vor einem Richter aussagen, so wird verlangt, dass andere sie lobend beurteilen?

Und wenn sie nicht gelobt werden, sondern jemand Kritik anbringt, dann wird diese Kritik angefordert, bis entweder das Zeugnis angenommen oder zurückgewiesen wird.

Scheich Ṣāliḥ al-Luhaidān (V)